Dobels Rathäuser - Teil 1

In den letzten Wochen des Jahres 2010 wurde das Gebäude "Ratskeller" abgebrochen. Viele Dobler erinnern sich an die Zeiten, als dieses Gebäude der Gemeinde noch als Rathaus diente. Dies war mir Anlass, mich mit der wechselvollen Geschichte der Dobler Rathäuser zu befassen. Die alten Güter- und Kaufbücher des Dobler Archivs, manchmal nur schwer lesbar, gaben manche Überraschung preis, warfen aber auch neue Fragen auf, die noch auf Klärung warten.
Haus Nr. 57 um 1900
Haus Nr. 57 um 1900

Die Überraschung war perfekt:
Nur einen Steinwurf vom heutigen Rathaus entfernt steht ein Gebäude, das ebenfalls schon einmal Rathaus war; in den Sandsteinsturz über dem Hauseingang ist die Jahreszahl "1827" eingemeißelt. Das Haus Neusatzer Str. Nr. 7, den alteingesessenen Doblern noch als das "Nothwang’sche Haus" bekannt (Erwin Nothwang war Bürgermeister von 1933 bis 1941 und nochmals 1945), war bis 1845 Schulhaus und Rathaus.

Wo "amtete" vor 1827 der Dorfschultheiß?

Auf den Dörfern wurden in jener Zeit oftmals Wirtsleute zum Dorfschultheißen gewählt, weil sie über entsprechend große Räumlichkeiten verfügten, in denen die Ratssitzungen abgehalten werden konnten. So war es auch auf dem Dobel. Lammwirt Georg Jakob Andreas Schweigle, von dem später noch die Rede sein wird, war einige Jahre, von 1838 bis 1841, Dorfschultheiß.

Im Archiv der Gemeinde Dobel sind viele wertvolle alte Bücher, Protokolle und Schriftstücke erhalten geblieben, die ältesten datieren aus der Zeit um 1650. Diese konnten nicht irgendwo im Hinterzimmer eines privaten Hauses oder einer Wirtschaft aufbewahrt worden sein, sonst hätten sie bei jedem Schultheißenwechsel, und den gab es relativ häufig in jener Zeit, auf Wanderschaft gehen müssen. Es ist also sicher davon auszugehen, dass schon vor 1827 Räumlichkeiten vorhanden waren, in denen die Aktenfaszikel und Urkundenbücher sicher aufbewahrt werden konnten. Wo diese Räume waren, ist eine der ungeklärten Fragen.

Im Jahre 1827 wurde also an der Kirchgasse (heute: Neusatzer Straße) in den "Kappelgärten" (Name kommt vermutlich von der bis 1744 bestehenden Marienkapelle) ein neues Gebäude erstellt (frühere Hausnummer 57). Das Gebäude war zweistockig, verfügte aber über keinen "Ökonomieteil", also nicht über Stall und Scheuer, was darauf schließen lässt, dass es von Anfang an als Schul- und Rathaus vorgesehen war. Wegen des fehlenden Ökonomieteils war es nur schwer zu verkaufen. 1848 wurde es nach wiederholtem "Aufstreich" (Ausschreibung mit Versteigerung) um 600 Gulden an den Kameralamtsdiener Johannes Hummel verkauft. Nach dem Kauf baute Hummel "Ökonomieräume" ein.

Dessen Sohn, Baumeister und Privatier Johann Ludwig Hummel erstellte um 1890 die typischen frontseitigen Giebelaufbauten mit Balkon, die dem Gebäude sein villenähnliches Aussehen gaben.

Unsensible, diletantische Renovierungen und Umbauten, die in den letzten Jahrzehnten vorgenommen wurden, haben das architektonische Schmuckstück leider ruiniert.

Schon 15 Jahre nach dem Bau dieses Gebäudes war die Gemeinde gezwungen, sich nach neuen Räumlichkeiten für die Schule umzusehen, da die Schülerzahl stark angewachsen war. In einer Statistik des Oberamts lesen wir, dass Dobel damals 1.046 "Seelen" zählte.Die Zahl der Schüler betrug 167. Das Anwesen an der Kirchgasse war schon nach dieser kurzen Zeit für den Schulbetrieb und als Rathaus zu "engräumig" geworden und verfügte, was damals als notwendig erachtet wurde, über keine Wohnung für den Schulmeister.

Für einen Neubau hatte die Gemeinde jedoch kein Geld. Es kam deshalb gelegen, dass das ehemalige Wirtschaftsgebäude "Zum Lamm", an der "Allmand" gelegen, zum Verkauf stand.

Am 2. März 1844 konnte die Gemeinde es von "Güterhändler" Josef Schneider aus Ehingen an der Donau, der erst im Novemer 1843 das gesamte Grundvermögen des Georg A. Schweigle aufgekauft hatte, zum Preis von 7.220 Gulden erwerben. Zur Finanzierung des Kaufpreises musste die Gemeinde Fremdkapital aufnehmen.

Das "Lamm" ist auf der Titelseite abgebildet. Das Foto wurde vor 1904 aufgenommen. Soweit in den Güterbüchern zurück zu verfolgen ist, wurde der ältere - rechte- Teil des Gebäudes weit vor 1750 erstellt, Eigentümer des Gebäudes war bis 1795 der verdiente Schultheiß und "Companieverwandte" der Calwer Holländer Holzhandelskompanie, Egidius Seyfrid.

1795 verkaufte "Egidi" sein gesamtes Grundvermögen samt Wohnhaus an seinen aus Grötzingen stammenden Stiefsohn Andreas Schweigle. Schweigle erstellte 1799 einen Anbau (auf dem Bild der höhere linke Bauteil), der wohl auch das "Lamm" beherbergte. Nach dem Tod von Andreas Schweigle wurde das "Lamm" von seinem Sohn Georg Jakob Andreas, der von 1838 bis 1841 Schultheiß auf dem Dobel war, noch etwa 10 Jahre weiter betrieben. Am 2. November 1943 verkaufte Georg J. A. Schweigle das Lamm samt seinen zahlreichen landwirtschaftlichen Gütern und Wäldern sowie seinen Schnitt-Anteilen an den Sägmühlen im Eyachtal komplett an Güterhändler Schneider um 30.500 Gulden. Schweigle hatte sich sein Kaufentgelt bis zu dessen vollständigen Bezahlung durch die Bestellung eines Pfandrechts an den Grundstücken abgesichert.

Neben der Gemeinde, die das "Lamm" kaufte, hatte Schneider zahlreiche weitere Käufer für die einzelnen Grundstücke. Schneider war jedoch nicht zahlungsfähig oder -willig und blieb seinen Kaufpreis bei Schweigle zumindest teilweise schuldig. Es kam zu Streitigkeiten vor dem Oberamtsgericht, in denen Schneider ein "Mindermaß" der erkauften Flächen reklamierte und somit auf Kaufpreisminderung klagte. Die Übereignung des "Lamm" an die Gemeinde war dadurch blockiert.

Da die Gemeinde das Gebäude dringend benötigte, bezahlte sie mit Einverständnis Schneiders den Kaufpreis direkt an Schweigle, um endlich Eigentümer des Gebäudes werden zu können, obwohl das Oberamt Neuenbürg vor dieser Vorgehensweise eindringlich gewarnt hatte.

Trotz Zahlung des Kaufpreises durch die Gemeinde verweigerte der jetzt in Calmbach wohnende Schweigle weiterhin die Übergabe des "Lamm", denn Schneider schuldete ihm immer noch den Kaufpreis für die restlichen Güter. Das Oberamt drohte daraufhin sogar mit einer Regressnahme der Gemeinderäte, weil sie das Geld an Schweigle trotz Warnung ausbezahlt hatten.

Der Streit zog sich noch bis ins Jahr 1845 hin. Im Januar 1845 endlich verzichtete Schweigle dann auf seinen Eigentumsvorbehalt und die Gemeinde wurde rechtmäßige Eigentümerin.

Die Gemeinde konnte jetzt mit den Umbauarbeiten für die künftige Nutzung als Schul- und Rathaus beginnen.

- Fortsetzung in Teil 2 -

Bernhard Kraft