Dobels Rathäuser - Teil 2

Die Gemeinde hatte mit dem Anwesen des Georg Jakob Andreas Schweigle ein stattliches Gebäude samt großer "Hofraite" erworben. Jenseits der Straße, auf dem heutigen "Totvaszony-Platz", standen Scheuer und Stall, Wagenhütte, eine "Schmittin" und eine "Waschhütte" (Pottaschesiederei?).
Bild vor 1904 aufgenommen; Rechts: Altes Schul- und Rathaus (ehemaliges "Lamm"); Links: Gebäude Nr.133, erstellt von Christian Pfeiffer
Bild vor 1904 aufgenommen; Rechts: Altes Schul- und Rathaus (ehemaliges "Lamm"); Links: Gebäude Nr.133, erstellt von Christian Pfeiffer

Vor dem Haus plätscherte der "Lammbrunnen", ein Laufbrunnen, der durch hölzerne "Teichel" gespeist wurde. Das Ganze bildete einst die "Erste Fröndt" (Frongut) in Dobel, die der Klosterschaffnerei Herrenalb abgabepflichtig war. Es waren jedoch keine Naturalabgaben mehr zu entrichten wie auf der Rentkammerseite, wo an die Kellerei in Neuenbürg noch Jung- oder Fastnachtshennen und Hafer (Rauchhaber) abzugeben waren. Im Güterbuch von 1750 steht:
"Zinst der Klosterschaffnerei Herrenalb 3 Kreuzer und 3 Heller", was etwa dem Gegenwert eines Huhnes entsprach; 1817 endete in Württemberg die Leibeigenschaft und diese Abgabe.

Die Umbaupläne aus dem Jahre 1844 sind im Staatsarchiv Ludwigsburg erhalten geblieben. Demnach wurden im Erdgeschoss des linken Gebäudeteils zwei Schulräume für je 93 und 68 Kinder sowie ein Wohnraum für den "Provisor" (Hilfslehrer) untergebracht. Im 1.Stock wurden der Ratssaal, eine "Parthien-Stube", die "Registeratur" und zwei weitere Räume für das Schultheißenamt eingerichtet. Der rechte, niedrigere und ältere Gebäudeteil wurde für die Wohnung des Schulmeisters umgebaut. Im Erdgeschoss dieses Gebäudeteils wurde zudem ein Gefängnisraum und ein "Local zu den Feuerwehrgeräthschaften" eingerichtet, also das erste in Dobel nachweisbare "Feuerwehr-Gerätehaus".

Die weitere Zunahme der Einwohnerzahl vor Augen, wurde bereits 1844 daran gedacht, den Ratssaal später in einen dritten Schulraum umzunutzen.

Es kam zunächst aber anders. Die große Auswanderungswelle nach Nordamerika in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als Folge von Missernten und des Wegfalls von Arbeitsplätzen in den weitgehend ausgehauenen Wäldern ließ die Einwohnerzahl abnehmen. Im 19. Jahrhundert wanderten vom Dobel über 550 Personen aus, hauptsächlich nach Nordamerika. Diese Auswanderungswelle flaute erstmit der Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse nach Gründung des deutschen Kaiserreiches (1871) ab. Aber nicht nur die allmählich wieder zunehmenden Bevölkerungszahlen, auch die steigenden Anforderungen an den Schulunterricht brachten erneut die Pläne für einen dritten Schulraum auf die Tagesordnung. Der 1844 berechnete Schulraumbedarf (zwei Räume zu 68 bzw. 93 Kinder, je Kind 7 Quadrat-Fuß = 0,57 m2 ) war nicht mehr zeitgemäß, es wurde ein weiterer Schulraum benötigt, wie dies schon 1844 eingeplant worden war. Dafür mussten aber die Rathausräume weichen. Auch musste Wohnraum für weitere Lehrer geschaffen werden.

Hierfür erwarb die Gemeinde im Januar 1880 das Haus Nr.133 von Sophie Pfeiffer, Witwe des Maurermeisters Christian Friedrich Pfeiffer. Der Kaufpreis betrug 6.025 Goldmark. Das Gebäude war erst im Jahr 1879 erstellt worden, nachdem entlang der künftigen Ortsdurchfahrt vom Oberamtsbaumeister eine Baulinie aufgestellt und vom Gemeinderat im März 1879 beschlossen worden war. Bereits im September 1879, nach nur fünf Monaten Bauzeit, war dasHaus fertiggestellt. Der Bauherr hatte nicht mehr viel von seinem neuen Haus; im Dezember 1879 starbChristian Friedrich Pfeiffer, erst 31 Jahre alt, und hinterließ seine ebenfalls 31-jährige Frau Sophie und fünf Kinder (Sophie Pfeiffer überlebte ihren Mann um 48 Jahre). Weil die junge Witwe die finanzielle Belastung alleine nicht tragen konnte, war sie zum Verkauf gezwungen.

Altes Schul- und Rathaus nach der Brandkatastrophe vom 4.1.1914Baupläne aus dem Jahr 1879 sind leider nicht mehr auffindbar, aber aus der Brandversicherungsschätzung des Jahres 1879 erfahren wir Näheres über das aus Wohn- und Landwirtschaftsteil bestehende Haus:
Zweistockiges Wohnhaus mit Scheuer und Stall; 16 Meter lang, 9 Meter breit, Firsthöhe 12 Meter; 10 Kammern, davon 6 heizbar; 3 Küchen; gewölbter Keller; Fachwerkwände mit Steinen ausgemauert und auf zwei Seiten verschindelt.

1888 war die neue Hauptstraße fertiggestellt; das Gebäude rückte dadurch in zentrale Ortslage. (Am Rande bemerkt: Das Hotel Sonne war in einer scharfen rechtwinkligen Kurve zu umfahren, was zur Bezeichnung "Sonnenkurve" führte.)

Zunächst sollten im Gebäude Lehrerwohnungen eingerichtet werden. Jedoch hatte die verwitwete Mutter des Bauherrn, Katharina Pfeiffer geb. König, noch einWohnrecht auf Lebenszeit; sie starb im Jahr 1886. Danach stand das gesamte Gebäude für Lehrerwohnungen zur Verfügung.

Der Einbau eines weiteren Klassenraumes im ehemaligen "Lamm" ließ zunächst noch auf sich warten. Ab 1909 jedoch wurde das Drängen der Schulverwaltung von Jahr zu Jahr stärker, denn die Oberklasse war stark überbesetzt. Die Gemeinde versuchte zwar noch, den Beginn der Baumaßnahmen hinauszuzögern, um den zwischenzeitlich eingerichteten Lesesaal für Kurgäste bis zum Saisonende 1913 nutzen zu können. Die Schulverwaltung ließ aber keine weitere Verzögerung zu. Das Schultheißenamt musste in das Erdgeschoss des Gebäudes Nr. 133 umziehen; ein Glücksfall für das Orts-Archiv, denn am 4.Januar 1914 brannte das Schulhaus samt den ehemaligen Rathausräumen vollkommen ab. Von den Akten des Schultheißenamtes wurden lediglich 19 Bände des Reichsgesetzblattes und des Württ. Gesetzblattes sowie 10 Bände des Enztälers vernichtet; das wertvolle Archiv blieb verschont. Bei der Untersuchung der Brandursache wurde Brandstiftung zwar ausgeschlossen, jedoch "Verwahrlosung des Feuers" angenommen. Angeblich hatte die Schulmeisters-Ehefrau gluthaltige Asche nicht brandsicher gelagert.

- Fortsetzung und Schluss folgen -

Bernhard Kraft