Linienweg, Blockhaus, Redoute

Nur wenige ältere Dobler dürften noch den Namen Linienweg kennen (in der Mundart: Lenawe). So wurde der Weg genannt, der von der Höhenstraße zu den Hochhäusern führt und heute als Brenntenwaldweg bekannt ist. Was hat es mit diesem fast in Vergessenheit geratenen alten Namen auf sich?
Doppelte Redoutte auf dem Tobel
Doppelte Redoutte auf dem Tobel

In den Güterbüchern der Gemeinde aus dem 18. und den Anfängen des 19.Jahrhunderts, als es noch keine Flurstücks- Nummern gab (diese wurden erst mit der württembergischen Landesvermessung ab 1835 eingeführt), wurde die Lage eines Grundstücks nach der Gewannbezeichnung, den Nebenliegern, angrenzenden Wegen, Wäldern Wasserläufen oder sonstigen Besonderheiten beschrieben. Bei mehreren Güterbeschreibungen dieser Zeit taucht immer wieder der Name alte Linie zur Lagebestimmung auf. Ein andermal heißt es: beim Blockhaus oder Redoute.

Hierzu ein Auszug aus dem Güterbuch: Geschenkt 1814 an Georg Fr. Bott 1 Morgen 9 3/8 Rthn nach Vermessung aber 1 Morgen 22 1/5 Rthn b neben Johann Adam Zeltmann und Georg Fr. Bott, vornen Jacob Friedr. Ruoff, hinten der Güterweeg Ein Alter Linienweg (und ein Linienhang) ist auch in den Wander- und Waldkarten auf dem Oberen Eiberg verzeichnet. Dieser ist der kürzeste Verbindungsweg zwischen der Alexanderschanze und dem Wildbader Blockhaus (auch Calwer Blockhaus genannt). Beides sind Schanzanlagen, die zur sogenannten Schwarzwaldlinie ( erstellt 1693-1695 und 1734-1735) gehörten, einer Verteidigungslinie, die sich vom Hochrhein bis zur Schwedenschanze auf der Wilhelmshöhe bei Neuenbürg erstreckte. Auch der Soldatenbrunnen war ein Teil dieser Linie; er diente der Wasserversorgung der Mannschaft in der Alexanderschanze (in Stuttgart regierte seit 1733 Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Reichsgeneralfeldmarschall. Nach ihm sind die Alexanderschanzen auf dem Eiberg und auf dem Kniebis benannt).

Mancher kennt vielleicht auch die Mannsloh -Schanze am Weg vom Kaltenbronn zum Wildsee, wo eine aufschlussreiche Schautafel über die Verteidigungslinien informiert. Nördlich an die Schwarzwaldline schloss sich die Eppinger Linie (1695 -1697) an, die bis Neckargemünd reichte. Von Daxlanden bei Karlsruhe bis auf den Dobel riegelte die Ettlinger Linie die Rheinebene nach Süden ab (1707). Diesen vorgelagert war noch die Bühl - Stollhofener Linie (1701). Wann und weshalb wurde diese Verteidungslinien angelegt Zur Klärung dieser Frage ist ein kleiner Ausflug in die Vergangenheit notwendig: Kurz gesagt: Die Verteidigungslinie sollte Baden, Württemberg und das Reich vor den französischen Über- und Einfällen schützen, die nur zwanzig Jahre nach dem Ende des schrecklichen Dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648) ab dem Jahre 1669 erneut einsetzten, als es um die Erbfolgen in Spanien, der Pfalz und in Polen ging und die europäischen Mächte versuchten, ihre -vermeintlichen- Erbansprüche zur Vergrößerung ihrer Machtbereiche militärisch durchzusetzen.

Über mehr als ein halbes Jahrhundert zogen sich die kriegerischen Greuel hin. Zahlreiche Städte, Dörfer, Klöster, Burgen gingen in Flammen auf. Stellvertretend seien hier nur Heidelberg und das Kloster Hirsau genannt. Das Elsaß und die alte deutsche Reichsstadt Straßburg wurden von Frankreich anektiert. Besonders traurige Berühmtheit erlangte in dieser Zeit der französische General Ezéchiel de Mélac, dessen Name im deutschen Südwesten bis heute als Inbegriff für Mordbrennerei gilt Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655-1707), wegen seiner siegreichen Schlachten gegen die Osmanen besser als Türkenlouis bekannt , und wegen seiner Erfolge vom Kaiser zum Generalleutnant aller kaiserlichen Truppen ernannt, kämpfte mit den Reichstruppen vor Wien und an der osmanischen Front auf dem Balkan, währenddessen die Franzosen im deutschen Südwesten zahlreiche Städte und auch sein Schloss in Baden-Baden niederbrannten. Wegen der andauernden Franzoseneinfälle im Westen musste ihn der Kaiser 1693 an die heimatliche Front am Rhein zurückrufen. Nach seiner Rückkehr begann er ab 1693 mit dem Ausbau der Verteidigungslinien (Schwarzwaldlinie, Ettlinger Linie, Stollhofener Linie) Zusätzlich wurde von Württemberg die Eppinger Linie errichtet.

Der Beginn des Polnischen Erbfolgekrieges im Jahre 1733 brachte erneut einen weiteren fieberhaften Ausbau der Verteidigungslinien. Auf dem Dobel, am Schnittpunkt der Ettlinger Linie mit der Schwarzwaldlinie , wurde im Jahre 1733/34 die Doppelte Redoute aufm Tobel in kürzester Zeit förmlich aus dem Boden gestampft. Wie sah die Dobler Redoute aus Lieutnant et. Ingenier Johann Lampert Kolleffel hat im Jahr 1734 die Lage und die Bauweise der Schanzen der Schwarzwaldlinie zwischen Klosterreichenbach und Neuenbürg aufgezeichnet und dabei der Dobler Redoute wegen ihrer besonderen Größe und Bauart eine extra Ansichts- und Schnittzeichnung gewidmet. Über die Kosten der Schanzarbeiten, den Material- und Zeitaufwand sowie den Bedarf an Heizmaterial und Öl für die Lampen wurde akribisch genau Buch geführt. Diese Kostenaufstellung enthält genaue Angaben über Größe, Tiefe und Breite des Grabens, über die Sturmpfähle und Pallisaden, das Eingangswerk und über das Blockhaus, das Platz für über 100 Mann bot. Aus dieser Kostenaufstellung erfahren wir auch, dass für die sichere Aufbewahrung der Munition ein unterirdisches, gemauertes Munitionsgewölb eingebaut wurde. Vier eiserne Öfen waren zur Beheizung notwendig und zwei Öllampen sorgten für die Beleuchtung.

Während die meisten Schanzanlagen der Schwarzwaldlinie zwischen Neuenbürg und dem Kniebis nach einem einheitlichen Plan erbaut wurden, hatte die Doppelte Redoute aufm Tobel eine Besonderheit: Sie hatte zwei Verteidigungsringe mit jeweils einem Graben, Sturmpfählen und Pallisaden, was ihr zum Namen doppelte Redoute verhalf. Hier ein Auszug aus dieser Baukosten-Aufstellung: (württ.Schuh= 0,29 m= 46 m) (5, 5 m) 3 m) (Eingangswerk) (waagerecht oder geneigt eingegrabene zugespitzte Holzpfähle) senkrecht eingegrabene Holzstämme als Brustwehr) (12 m) (6,5 m) Dann folgt die mehrere Seiten umfassende genaue Aufstellung über Baumaterial und Arbeitszeiten. Daraus ist zu entnehmen, dass die Schänzer täglich 16 Heller erhielten. Allein die Schanzarbeiten (Gräben ausheben und Wall aufwerfen, Pallisaden eingraben usw.) kosteten 1490 Gulden (1 Gulden = 60 Heller). Das Schanzen dauerte also rund 5600 Mann-Arbeitstage. Da die Bauzeit der Schanze nur wenige Monate dauerte, müssen mindestens 50 bis 100 Schänzer im Einsatz gewesen sein. Es ist auch von die Rede. War das Blockhaus mit Ziegeln anstatt Schindeln gedeckt oder handelt es sich um Ziegelsteine für Herdstellen und Kamine Auch Namen der Besatzung sind bekannt. So wird in der Abrechnung ein und ein genannt. Außerdem gab es einen namens Wo stand die Redoute Die Lager- und Güterbucher des 18. und 19. Jahrhunderts nennen, wie bereits erwähnt, mehrmals das , an der . Es stand . (Zum Kreuzwasen gehörte nach damaliger Flurbezeichnung auch der vordere Teil der heutigen Höhenstraße.) Aus strategischen Gründen war eine Lage auf dem Bergrücken vorteilhaft. Von hier hatte man einen umfassenden Überblick, und ein sich nähernder Feind konnte frühzeitig erkannt werden. Es bestand ein weites Schussfeld, aber die Anlage selbst war nicht leicht unter Beschuss zu nehmen. Sehr wahrscheinlich stand die Redoute zwischen Wasserturm und Linienweg. Aber auch ein Standort etwas weiter östlich ist nicht ganz auszuschließen. Der Teich (Haisol) der noch anfangs des letzten Jahrhunderts vorhanden war (heute mit Gebäude Nr.20 überbaut) könnte der Wasserversorgung der Soldaten gedient haben. Die Wasserversorgung bei voller Belegung der Schanze mit etwa 100 Mann dürfte nicht unproblematisch gewesen sein, wenngleich es selbst auf dem Bergrücken ganzjährig wasserführende Schöpfbrunnen gab und noch gibt. Allerdings traten auch wiederholt Typhusfälle auf. Das Dorf begann sich erst ab etwa 1750 auf die Hochfläche, den Kreuzwasen und den Jägerweg auszudehnen. Die Schanze stand also anfangs noch weitab vom Dorf auf einer nur extensiv genutzten Gras- und Weidefläche, einem Wasen. Die umliegenden Wälder waren stark gelichtet und dienten als Viehweide. Dass im Jahre 1819 das Blockhaus noch vorhanden war, erfahren wir aus einem Bericht des Grafen von der Lippe über seine militärstrategische Untersuchung des Schwarzwaldes, die er im selben Jahr anstellte. Er nennt das Blockhaus auf dem Dobel als möglichen Quartierort für rund 50 Soldaten der rückwärtigen Linie. Das Blockhaus befinde sich, so stellt Graf von der Lippe fest, noch in einem guten Zustand. Danach aber verfiel das Blockhaus und Redoute und wurde eingeebnet. Jedenfalls war die Verteidigungsanlage bei der Ur- Vermessung des Jahres 1835 nicht mehr vorhanden. Die Doppelte Redoute war zwar selbst nie Schauplatz größerer Kampfhandlungen; weder während der Erbfolgekriege 1670 1735 noch während der Koalitionskriege mit der legendären Schlacht am Dobelberg am 9.Juli 1796, von der noch Schanzen im Habichtsnest vorhanden sind. Diese Kämpfe betrafen hauptsächlich die Rotensoler und Neusatzer Höhe (Franzosenäcker). Dabei sollen 36000 französiche Soldaten 45000 Mann der Reichstruppen gegenüber gestanden haben. Über die Verluste gibt es unterschiedliche Angaben. Die Franzosen sollen über 2000 Mann und die Truppen des Kaisers annähernd 600 Mann verloren haben. Ein Soldaten- Massengrab ist in Rotensol noch vorhanden. Die Redoute war aber mehrmals mit kaiserlichen Soldaten besetzt. 1814/15, während der Befreiungsskriege gegen Napoleon, waren 80 russischen Soldaten auf dem Dobel einquartiert, wahrscheinlich im Blockhaus. Die Kirchenbücher, und auch das Archiv der Gemeinde Dobel, hüten sicher noch manches unentdeckte Geheimnis jener Zeit, als in den Linien die Soldaten lagen und vom Dobler Pfarrer manches Soldatenkind im Geburtenbuch einzutragen war. In den Lager und Güterbüchern und in den alten Gemeinderatsprotokollen dürften irgendwo auch noch nähere Angaben über den genauen Standort und über die Einebnung der Schanze auf ihre Entdeckung warten. Im Südschwarzwald wurde vor wenigen Jahren eine Schanze der oberen Schwarzwaldlinie, die als Sternschanze angelegt war, wieder rekonstruiert und stellt heute einen touristischen Anziehungspunkt dar. Auf dem Dobel wäre eine (Teil)-Rekonstruktion in der Nähe des Originalstandorts denkbar und ein touristisches Alleinstellungsmerkmal mit vielerlei Nutzungsmöglichkeiten.