Rückblick auf vergangene Zeiten anläßlich des Volkstaruertages 2011

Auf Anregung von Herrn Bürgermeister Krieg werde ich in die jüngere Geschichte von Dobel zurückblicken. Ich beschränke mich nur auf persönlich Erlebtes aus der Zeit des zu Ende gehenden furchtbaren Zweiten Weltkriegs. Es war eine Zeit des gewaltsamen Todes, aber auch der hoffnungsvollen menschlichen Begegnungen.

Im Blickpunkt steht der Zeitraum Mitte Februar bis Ende April 1945. Zu dieser Zeit ist die Front über uns hinweggerollt. Da meine Cousine und ich - beide 14 Jahre alt - jeweils ein Tagebuch führten, ist es möglich, das Erlebte ins Gedächtnis zurückzurufen und einzelnen Tagen zuzuordnen. Wir wohnten in unserem kleinen Wochenend-Holzhaus an der Höhenstraße gegenüber dem Wald. Nur dieHütte des Schwarzwaldvereins am Wasserturm stand in der Nähe. In unserer Familiengemeinschaft von 8 Personen aus drei Generationen waren meine Mutter, ihre beiden Schwestern, meine Cousine, 2 Vettern, meine Großmutter und ich. Die beiden Schwestern meiner Mutter, die Großmutter und meine Cousine hatten bei uns Unterschlupf gefunden, da sie im Herbst 1944 bei den Fliegerangriffen auf Darmstadt alles verloren hatten.

Viele Menschen - darunter auch viele Familien mit Kindern, meist ohne Männer - waren auf den Dobel evakuiert oder sind - wie wir - aus den näheren Städten geflüchtet. Nils ein Junge in meinem Alter und ich wurden Freunde. Wir verbrachten viele Tage zusammen im Umfeld unseres Hauses und bei allen möglichen Unternehmungen. Ich schildere 4 ganz besonders prägende Erlebnisse und Ereignisse aus dieser Zeit.

1. Gefahr durch Tiefflieger

Etwa Mitte Februar nahm die Aktivität der meist tief fliegenden Jagdbomber (Jabos) derart zu, dass der Schulbetrieb eingestellt werden musste. Der Aufenthalt im offenen Gelände war nicht ratsam. Till und ich beschlossen, zu dem vorhandenen einen weiteren Unterstand im Garten zu graben. Nach mehreren Tagen schwerer Arbeit wurde er fertig gestellt und mit Balken, Sand und Erde abgedeckt. Die Wehrmacht hatte in unserem Garten eine Funkstation im Schutz der großen Tannenhecke eingerichtet.

Die Funkmasten wurden auf der Wiese nebenan, dem heutigen Grundstück von Lothar König, errichtet. Wir hatten Angst, dass diese Station von Tieffliegern angegriffen wird. Auch unser Haus wäre dann wahrscheinlich in Flammen aufgegangen. Eines Tages hörten wir heftiges Schießen über uns. Sekunden später stürzte ein feindlicher "Jabo" brennend ab und zerschellte an einemHang zum Eyachtal. Nils und ich beobachteten den Himmel weiter. Ein anderes Flugzeug verschwand rasch am Horizont, aber wir sahen auch einen Menschen am Fallschirm zur Erde schweben. Der Pilot hatte sich retten können. Wir waren erleichtert trotz unserer Wut auf die Tiefflieger.

2. Kontakte mit deutschen Soldaten

Die vor dem Feind fliehenden deutschen, in Auflösung befindlichen Truppen nutzten die Höhenstrasse in Richtung Westen, um zu entkommen. Es zog eine endlose Kolonne von Soldaten mit Panje -Pferden, vorgespannt an kleinen zweirädrigen Wagen, vor unserem Haus vorbei. Motorisierte Fahrzeuge waren selten. Oft kamen Soldaten in unseren Garten und baten um Wasser, Essen oder auch zivile Kleidung.

Auch für ihre Pferde benötigten sie Wasser. Da wir kein fließendes Wasser hatten, sondern dieses am Brunnen vor der Hütte des Schwarzwaldvereins holen mussten, verwiesen wir sie dorthin. Die Front kam täglich näher. Immer wieder kamen Soldaten in unseren Garten. Einer davon erläuterte mir, wir hätten wahrscheinlich bald mit Artillerie-Beschuss zu rechnen. Um die Nähe des Einschlags der ankommenden Granaten abzuschätzen, sei es wichtig, auf das Geräusch und den Heulton zu achten. Er erklärte mir dies ausführlich und machte die Geräusche vor.

3. Beschuss durch Artillerie

Wenige Tage später kam der Dobel wirklich unter Artillerie-Beschuss. Die Einschläge auf der Hochfläche waren gut zu beobachten. Als ich mit meinem Vetter Dieter (8 Jahre alt) hinter unser Haus lief, hörte ich plötzlich das mir geschilderte, auf höchste Gefahr weisende Geräusch einer ankommenden Granate. Ich warf mich hin. Im Fallen riss ich meinen Vetter instinktiv mit. Die Granate schlug ein und explodierte 15 m weit weg von uns auf dem Acker. Fast taub und natürlich in Panik rannten wir zum Unterstand. Als der Beschuss aufhörte, lief ich nochmals hinter unser Haus und sah, dass ein großer Splitter der Granate die Schuppenwand und einen Balken durchgeschlagen hatte. Genau an dieser Stelle standen wir vorher beide und wären getroffen worden. Diese große Gefahr war mir da erst bewusst geworden. Das Gespräch mit dem Soldaten zuvor hatte uns beiden vor Tod oder schwerer Verletzung bewahrt.

Der Strom der zurückflutenden Wehrmacht auf der Höhenstraße riss nicht ab. Ein Melder auf dem Motorrad kam ins Schleudern. Er stürzte und lag nahe bei unserem Haus auf einer Wiese. Er war an einem Fuß verletzt. Wir brachten ihn ins Haus und legten ihn auf eine Liege. Meine Mutter fuhr sofort mit dem Rad ins Dorf, um einen Sanitäter zu holen. Sie traf einen Soldaten, der in der gleichen Einheit war. Dieser kam mit und blieb bei dem Verletzten. Dessen Schmerzen waren so heftig, dass der Schuh nicht ausgezogen werden konnte.

4. Der Tod ließ sich nicht aufhalten

Wir hielten uns wegen der großen Gefahr durch die Tiefflieger meist in einem der beiden Unterstände auf. Da hörten wir ein Motorrad in unseren Garten fahren. Der Fahrer war ein netter junger Mann aus Stendhal. Er war gekommen, um seinen verletzten Kameraden im Beiwagen wegzubringen. Aber der Verletzte war nicht mehr im Haus. Er hatte sich wohl fortgeschleppt. Die Front war inzwischen sehr nahe. Schüsse von Handfeuerwaffen und Panzerkanonen aus Richtung Neusatz oder Neuenbürg waren deutlich zu hören. Der junge Mann wollte genau in diese Richtung wieder wegfahren aus der er auch gekommen war. Meine Mutter und meine Tante redeten beschwörend auf ihn ein, diese Richtung nicht einzuschlagen. Er ließ sich jedoch nicht davon abhalten. Einige Tage später erfuhren wir von seinem Tod. Wahrscheinlichwurde er in der Nähe des Dreimarksteins von französischen Soldaten erschossen. Er selbst hatte nur eine Pistole bei sich. Lang hatte ich innerlich gegen dieses schmerzliche Erlebnis anzukämpfen, - auch durch die Vorstellung der Trauer seiner Eltern und der ganzen Familie. Auch die Möglichkeiten, ihn an dem Schicksalstag doch noch zurückzuhalten oder umzustimmen, gingen mir durch den Kopf.

Damit möchte ich den kleinen Ausschnitt meiner persönlichen Erlebnisse beenden. In den meisten Ländern Europas leben wir seit 66 Jahren in Frieden. Ein Zustand, der nicht hoch genug geschätzt werden kann. Dies zu bewahren, rechtfertigt die größten Anstrengungen. Aus den Medien erfahren wir fast täglich, dass es auf der Welt noch viele Kriege, Terror und Auseinandersetzungen gibt, die Menschen in ähnliche Situationen bringen, wie ich sie erlebt habe.

Dr. F. W. Peppler
Dobel im November 2011